Kunsttherapie
Mit Pinselstrichen auf dem Weg zu sich selbst

(17.08.2016) Ein Sinnspruch Pablo Picassos ziert die schwere Kellertüre: „Ich suche nicht, ich finde.“ Die Regale sind voller Farbdosen, Tonfiguren und Skizzen. In einer Ecke warten Staffeleien auf Gebrauch, auf dem Tisch zwei Dutzend Pinsel in selbstgetöpferten Krügen. Und der pflegeleichte Boden konnte sich über die Jahre nicht gegen jeden Farbklecks erfolgreich wehren. Sofort ist klar: Die Kunsttherapie im Kalkarer St. Nikolaus-Hospital braucht kein allzu theoretisches Atelier, sie füllt einen Raum mit Menschen und gelebter Kunst.

Kunsttherapeutin Lisa Mellat Doust arbeitet heute mit einer Gruppe von acht Patienten. Die Stimmung ist konzentriert und gelassen, gelegentlich auch heiter. In der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des St. Nikolaus-Hospitals werden Patienten in Krisensituationen, nach Suizidversuchen, mit Diagnosen wie Burnout, Angststörungen oder Depressionen behandelt. Die Kunsttherapie ist dabei fester Bestandteil der psychotherapeutischen Behandlung. Zweimal wöchentlich arbeiten die Patienten mit Farbe oder Ton – je nach Neigung.

„Ein Ziel kann sein, sich mit eigenen Ideen, Wünschen, Träumen Vorstellungen und Zielen auseinanderzusetzen“, sagt Lisa Mellat Doust. „Diese finden ihren Ausdruck in Bildern und Gestaltungen.“ Oder die Patienten erschließen auf künstlerische, auf spielerische Weise neue Verhaltensweisen, Lösungsstrategien und Ressourcen, machen sie für ihren Alltag nutzbar.

Dass dabei auch mal ein geknülltes Papier im Papierkorb landet, gehört zum Geschäft. „Wir suchen nicht unbedingt nach dem einfachsten Weg“, erläutert Mellat Doust etwa die Motivauswahl. „Wir wollen begeistert sein.“ Das bestätigt Thomas Ritter*, der den Kopf kurz aus einer Bleistiftzeichnung hebt. „Ich bin müde und erschöpft“, sagt er. „Und ich hatte richtig Angst, mich auf die Kunsttherapie einzulassen.“ Nun zeichnet er in der dritten Woche sein drittes Bild. Lisa Mellat Doust holt die Patienten dort ab, wo sie stehen, wo sie stecken geblieben sind. Und nimmt sie mit in die Praxis, gibt Impulse. „Das ist ein schönes Motiv“, ermuntert sie Doris Hagedorn*, die sich – noch etwas unsicher – in ein Lavendelfeld vertieft hat. „Warten Sie, ich hole Ihnen einen weicheren Bleistift.“

Seit 1994 arbeitet Lisa Mellat Doust als Kunsttherapeutin im St. Nikolaus Hospital. An die 10.000 Patienten und weit mehr Kunstwerke hat sie betreut. „Und doch bin ich immer wieder aufs Neue überrascht“, sagt sie. „Von den kreativen Impulsen und Entwicklungsschritten, die wir hier erleben.“ Peter Rayermann* ist so eine Überraschung. Der technische Zeichner hat gerade das freie Skizzieren als Leidenschaft entdeckt, fühlt eine nie gekannte Ruhe. „Hätte ich nicht gedacht“, sagt er achselzuckend und wundert sich ein bisschen über sich selbst.

„Sie entdecken eine Freiheit, die Ihnen sonst fehlt“, vermutet Lisa Mellat Doust und ergänzt: „Anschaulicher kann man die Schritte, die wir hier gemeinsam gehen, kaum machen.“ Einen anschaulichen Eindruck von den Resultaten der Kunsttherapie im St. Nikolaus-Hospital vermitteln außerdem die Wände und Flure des Hauses. Die unzähligen Bilder stammen ausnahmslos aus Patientenhand.

* Name geändert